Gastbeitrag

Hier nun der von mir lang erwartete Artikel von Bomel . Ich denke es ist eine große Bereicherung für diesen Blog den Jazz/Soul/Funk/Fusion Bereich mal zu verlassen. Viel Spaß bei diesem sehr gelungenen Artikel!

Die Sonne ist schon vor Stunden unter gegangen. Es ist kalt. Die Fahrzeugheizung tut ihr bestes dennoch mümmeln wir uns in dicken Jacken auf der Rückbank. Die Großstadt zieht wie ein unwirklicher Schein am nassen Fenster vorbei. Immer heruntergekommener wird die Gegend. Graffiti an jeder Ecke. Übervolle Mülleimer, zerschmissende Glasscheiben. Hin und wieder ein paar zwielichtige Gestalten. Wir fahren auf den Parkplatz vor der alten Industriehalle. In den 50ern wurde hier Stahl hergestellt. Nur eine von hunderter Ruhrpott-Lokationen aus vergangener Zeit. Wir steigen aus in die Kälte. Es nieselt. Zu unseren Füßen Schotter und Schneematsch von vorgestern. Die Jacken ziehen wir aus – drinnen können wir so was nicht gebrauchen. Schnellen Schrittes und die Schultern hochgezogen eilen wir zum Eingang. Von überall strömen Leute in die selbe Richtung. Laut grölend, angetrunken. In einer dunklen Ecke werden offensichtlich Drogen genommen. Ein Streifenwagen der Polizei fährt kurz über den Parkplatz und verschwindet wieder in der Nacht. Wir warten darauf, dass sich die schweren Eisentüren öffnen, damit wir ins Warme kommen. Rundherum wird versucht der Kälte zu entgegnen. Bier wird getrunken, es wird herumgelaufen oder ein Lied angestimmt. Irgendwo zerbricht eine Getränkeflasche. Uns schlottern die Knie. Dann, die Tür öffnet sich einen Spalt. Zwei in schwarz gekleidete Männer, regelrechte Schränke mit kurzgeschorenen Haaren treten heraus. Wie von selbst bilden sich zwei Schlangen und der Einlass beginnt.

Ich werde kurz von der Security betatscht, halbherzig nach Waffen durchsucht. Mein Shirt zeigt keine verfassungswidrigen Parolen oder Symbole – somit darf ich passieren. An der Kasse wird meine Eintrittskarte zerrissen und ich bewege mich sofort zum Biermarkenstand um mein Geld gegen das örtliche Bezahlungsmittel einzutauschen. Danach geht es zur Bar und das erste kühle Helle wird gekippt. Ein zweites folgt. Mir wird wieder warm. Vom Vorraum aus gehe ich in die große Halle. Spärlich beleuchtet finde ich eine schöne Stelle. Von hier kann ich die Bühne sehr gut sehen und steh noch nicht direkt im Moshpit. Die Halle ist sowieso noch nicht sehr voll. Erst nach und nach betreten immer mehr Menschen den Raum. Tätowierte, durchtrainierte Riesen, fette Glatzen, halbe Hemden, Metaler, Punks. Das Personenfeld ist breit gefächert. Hie und da ein Hakenkreuz auf nackter Haut. Das trübt die Stimmung bei mir, wird aber insgesamt offensichtlich geduldet. In dieser Musikrichtung ist das keine Seltenheit. Alles bleibt aber friedlich. Linkes und Rechtes Spektrum lebt hier in harmloser Koexistenz. In der Halle darf auch geraucht werden. Schnell bilden sich blaue Schlieren an der Decke. Meine Freunde, mit denen ich hier bin bringen mir ein weiteres Bier im Plastikbecher mit.

Dann gehen die Scheinwerfer an. Das Licht sucht seinen Weg durch den Dunst und mit Applaus und Gegröle betritt die Vorband die Bühne. Das Konzert beginnt.

                          live_konzert

Drei Akkorde reichen und der Moshpit ist eröffnet. Vor uns springen berge von Muskeln und Fett durch die Gegend und Körper krachen aufeinander. Fällt jemand um wird er von den Umstehenden hoch gerissen. Auch wir springen immer wieder in diesen Wahnsinn und machen für einige Minuten mit. Die Band macht gute Stimmung. Wer nicht pogt, grölt mit oder bewegt zumindest den Kopf im Takt. An der Bar betrinken sich einige. Es wird immer wärmer und es stinkt nach Zigaretten, Bier, Kotze und Schweiß. Der Boden beginnt zu kleben.

Nach der Vorband ist wieder Pause und Zeit auf Toilette zu gehen. Ich betrete den mit Neon-Leuchten erhellten Raum. Beißender Geruch nach Desinfektionsmittel und Ammoniak steigt mir in die Nase. Ich benutze schnell das Klosett und hole mir dann noch ein Bier von der Bar während die Roadies die Bühne für den Hauptakt, eine überregional bekannte Band, vorbereitet.

Der Hauptakt betritt unter Fangesängen und Beifall die Bühne. Die Scheinwerfer fokussieren den Leadgitarristen. Eine kleine, tief stimmige Begrüßung und mit der rechten Hand reißt er das Plec in die Höhe um den ersten Akkord des selbstverherrlichenden Intros zu spielen. Die Menge ist wie gefesselt. Blanke Fäuste, geöffnete Hände, Mittelfinger und Teufelshörner recken sich in Richtung Skinheadkombo und die Halle singt jedes Wort mit. Es ist eng geworden. Die Menge wird zur undefinierbaren Masse, zu einem Subjekt das sich durch die Halle bewegt. Es ist warm, es stinkt und die Luft ist denkbar schlecht. Das Shirt wird vom Schweiße der umstehenden Menschen durchnässt und die Kehle schreit nach Pause. Die Leber verlangt hingegen mehr Bier. Die Stimmung ist am überkochen. Die Band genießt die Anbetung und gibt die gewünschten Klassiker zum besten. Die Menge findet es geil.

                 

 

So lässt sich ein typisches Oi-Konzert beschreiben.

Oi – eine Musikrichtung, der mehr Vorurteile nicht anheften können. Ursprünglich von der britischen Arbeiterklasse als nicht kommerzieller Gegenpart der Punkbewegung der 70er in den frühen 1980er Jahren gegründet schwappte schnell auf ganz Europa über.

Mit besonders schneller und „harter“ Spielweise behandeln die typischen Oi Bands die Probleme der damaligen Arbeiter Jugend, die „Probleme der Straße“: Drogen, Alkoholmissbrauch, Gewalt, Arbeitslosigkeit aber auch die Ideologien wie Freundschaft, Zusammenhalt und als Hauptthema Fußball. Die Anhänger nennen sich selber Oi-Skins und ähneln den „traditionellen“ Skinheads aus der 69er Bewegung sehr, obwohl diese die neuen Skins eher verpönen.

In Deutschland unterliegt die Musikbewegung wie nirgendwo sonst dem rechtsradikalen Einfluss. Neonazis kopierten den „neuen“ Stil und die Musik der Skins, da dies aggressiv wirkte und die Ideologie für ihre Motive durchaus zu gebrauchen war. Dies erklärt die allgemeinen Vorurteile gegen Musik, Band und Anhänger.

Dennoch darf man Skinheads keinesfalls mit Nazis verwechseln! Die Oi Bewegung ist grundsätzlich unpolitisch und die deutschen Bands, welche zumeist in der politischen Mitte oder links angesiedelt sind distanzieren sich von dem rechten Spektrum.

Die Musik selber hat aus vielen Bereichen Zuspruch bekommen. Oi ist nicht nur bei Oi-Skins beliebt sondern findet Anklang bei Punks, Metalern oder sonstigen subkulturellen Angehörigen als auch beim „normalen“ Publikum. Dementsprechend gemischt ist auch das Publikum bei Oi Konzerten. Auf Festivals spielen Oi Bands meist auch neben Gruppierungen anderer Rock-Richtungen.

Sonstige Informationen und Quelle:

Oi!

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