Der gewöhnliche Mensch

„Ich sehe Menschen“ sagte Mannfred. Er stand in einer riesigen Flughafenhalle. Überall um ihn herum waren Menschen. Er drehte sich nach links. An der entfernten Wand stand ein mittelgroßer Putzwagen, einem Regal ähnlich.

Mannfred klappte die Karte des Flughafens zusammen. Er legte die Karte bei Seite und blickte nun stumm und starr auf die dunkelhölzerne Tischplatte. So saß er ewig. Regungslos. Nun zerfloss der Tisch unter ihm hinweg. Er löste sich in eine dickflüssige Farbe, ein tiefes Blutrot auf. Mannfred begann zu fallen. Bestimmt 20 Meter. Er fiel durch eine smaragdgrüne Röhre und an ihrem Ende erlebte er einen Moment der absoluten Stille. Dann fiel er laut platschend ins Wasser des warmen Ozeans. Er schwamm durch die tropische Bucht hindurch an den Strand. Hier begann er alle Bäume zu fällen. Aus den zahllosen Stämmen baute er ein Boot. Nun segelte er einem mutigen Seemann gleich das Meer entlang. Die See wurde jedoch zusehends rauer und stärker. Das aufbrausende Meer schien gegen ihn zu kämpfen. Fast schwarze, meterhohe Wellen des Höllenmeeres rissen sein Boot schließlich nach Stunden des Kampfes brutal in Stücke. Noch bevor er auf die Wasseroberfläche aufschlug, flog er schon mit Engelsflügeln dem Himmel entgegen. Er ließ all die Wolken hinter sich und wollte bis in die unendlichen Weiten des Himmels aufsteigen. Er wollte Freiheit, wollte loslassen, entfliehen.

Doch so weit oben wird die Luft dünn. Schwäche überflutete ihn langsam aber stetig. Sein Siegeszug gen Himmel verlor immer mehr an Geschwindigkeit, weniger aus verlorener Überzeugung heraus, vielmehr sich dem Erstickungstod beugend. Es war ein unbeschreiblich grausames Gefühl.

Er begann nun gegen seinen Willen zu fallen. Er fiel. Schneller, schneller, bis die gesamte Welt um ihn herum nur noch aus Fäden zu bestehen schien, einer Flüssigkeit ähnlich floss sie mit enormer Geschwindigkeit an ihm vorbei. Als der Strom der Welt schließlich sein Glas gefüllt hatte, schloss er die Flasche und stellte sie auf den Tisch. Wut über sein eigenes ich überströmte ihn. Er nahm die Flasche am Hals und warf sie mit aller Kraft an die gegenüberliegende, schwarze Wand. Das Glas zersplitterte.

Tausende Seelen wurden in den Tod gerissen. Mannfred lief durch durch die Ruinenlandschaft der ihm unbekannten, zerbombten Stadt und wollte helfen, retten. Er konnte niemanden mehr retten. Man verstand ihn nicht.

Mannfred fühlte sich oft un- oder missverstanden. Öfter miss- als unverstanden. Er lief. Er rannte durch die endlose Ruinenlandschaft seiner selbst einem Flüchtling gleich. Warum? Er konnte es nicht sagen. Wollte es nicht sagen? Doch eine Hütte in einiger Entfernung erregte seine Aufmerksamkeit. Er ging hinein und schloss die Tür. Die Fahrt ging nach unten. Dass hatte er vorher gewusst. Der Fahrstuhl schien geradezu in die Hölle zu rasen. Durch die Erde hindurch, schoss er auf der anderen Seite wieder heraus. In einiger Höhe jedoch verlor der Fahrstuhl an Schub und fiel zurück in Richtung Erde in Form eines Tropfens. Dieser schlug nun ins riesige Meer ein, indem schon unzählige ähnliche Schicksale schwammen. Mannfred war am Ende. Er war gewöhnlich geworden. Er war bedeutungslos und namenlos, jetzt. Das riesenhafte Glas hob sich nun und in einem finalen Zug, leerte der große, dunkle Mann das ganze Glas auf einen Hieb; in ihm unser Held und tausende seiner Mitmenschen strömten in den Rachen hinab und wurden bis zu ihrem Tod nicht mehr erwähnt. Sie alle wurden geschluckt.

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