Der Turm

Vor Mannfred ragt ein gewaltiger Turm aus der Erde. Er ist ganz aus Beton gemacht und erhebt sich bis weit in die Höhe. Er ist ein mächtiges Bauwerk und strahlt eine gewisse Gewalt aus, eine nicht definierbare Macht. Ohne Taten, allein durch die Anwesenheit seiner selbst verbreitet der steinerne Turm Angst. Der Himmel ist wolkenverhangen und sticht in schwarz herab. Ein peitschender Wind tost über die düstere Welt.

Mannfred trifft die Angst wie ein glühendes Schwert; er reagiert instinktiv, geht erst langsam in die Knie und lässt den Turm dabei nicht aus den Augen. Nach und nach macht er sich kleiner und kleiner. Er weiß genau, er darf sich keinen Fehltritt erlauben. Jede falsche Bewegung könnte Mannfred in Ungnade stoßen, so denkt er. Mit diesen Gedanken kauert er sich immer mehr dem Boden entgegen. Schließlich liegt er einem Gläubigen gleich demütig auf der Erde und wagt sich unter Angst und Schweiß keine Bewegung auszuführen.

In Mannfred sausen die Gedanken. Er ist sich der Lage nicht sicher, weiß nicht was zu tun ist. Niemand sagt es ihm, er ist allein. Ich weiß nicht mehr wie lange er so lag, der Blick immer wandernd zwischen Boden und Turm. Eins ist gewiss: Er stand Todesängste aus. Der Turm hatte alle Gewalt über ihn. Hätte er zu Atmen verboten, Mannfred wäre sofort gestorben.

Da er nicht wusste wie es weiter gehen sollte, durchdachte er seine Situation. Der Turm schien wohl, durch das Wetter bedingt, besonders groß und Mannfred meinte zu erkennen, dass es wohl eigentlich eher eine Art Mast, vielleicht für Sendeanlagen war. Denn er war zwar hoch aber dennoch war die Spitze vom Boden aus sichtbar. Mannfred kam mit sich überein, dass der Mast wohl etwas höher als ein großer Baum sein musste. Nun warf Mannfred aber, um das zu sehen den Kopf in den Nacken und er begann etwas zu experimentieren. Er bewegte leicht den Kopf hin und her. Eine Strafe des Mastes blieb aus. Mannfred schöpfte etwas Mut. Warf er nämlich den Kopf nicht so sehr in den Nacken erschien der Mast doch letztlich nicht größer als ein mittelgroßer Baum.

Erst voll schrecken, dann aber ruhiger werdend bemerkte Mannfred, dass er sich etwas aufgerichtet hatte beim Bewegen des Kopfes. Nun kniete er mehr, als das er lag. Mannfred war stolz. Da er nun schon einmal so weit war, dachte er sich wäre es vertretbar sich weiter aufzurichten. Er zog die Beine etwas an und schon hockte er, den Oberkörper noch stark gebeugt. Er wollte nicht zu übermütig sein und womöglich doch noch Zorn auf sich ziehen. Aus dieser neuen Perspektive schien ihm der Mast, obgleich bedrohlich, doch weniger gefährlich. Es erstaunte Mannfred, wie viel kleiner sich der Mast nun zeigte, blickte man auf ihn. Eigentlich, so dachte Mannfred, kann er niemals größer sein als ein etwas übermannshoher Busch.

Nun richtete Mannfred den Oberkörper auf. Er blickte kurz zu Boden und sah dann blinzelnd zum Mast hinauf, den Mund leicht geöffnet. Mannfred zweifelte.

Er schloss die Augen, bestimmt einige Minuten, und sah dann wieder auf den Mast. Er war sich sicher: der Mast war allem Anschein nach, soviel traute Mannfred sich zu einschätzen zu können, nicht unbedingt viel größer oder gar übermannsgroß, nein vielmehr schien er ihm in etwa so hoch zu sein wie er selbst groß. Mannfred traf eine Entscheidung und ein weiteres Mal kostete es ihn viel Mut und Überwindung aber schließlich richtete er sich gänzlich auf und stand nun aufrecht vor dem Mast. Doch das Wort „Mast“ beschreibt das Gebilde schlecht. Es war kein Mast, er schien wohl, zum Erstaunen von Mannfred selbst, um einiges kleiner als er. Er war in etwas so groß wie ein Spatenstiel.

Mannfred spürte ein Gefühl der Kraft; er wusste nun, dass er dem Stock überlegen war. Er war sich seiner Kraft bewusst und hatte ein klares Ziel vor Augen: Rache. Für die Angst, die Unterdrückung, die Schande. Er holte aus und trat hart gegen den Stock aus. Er schwankte. Mannfred riss ihn aus der Erde und schlug den Stock entzwei. Wie im Rausch, in blinder Wut trat Mannfred keuchend und mit wild verzerrtem Gesicht auf die Teile des Stabes ein.

So ging es eine ganze Weile zu bis er erschöpft zu Boden sank. Er blickte leer zu Boden. Der Himmel über ihm stürmte noch immer, ja gar stärker als zuvor. Kalter, düsterer Wind zog über ihn hinweg. Mannfred wusste nicht mehr was richtig ist und was falsch. Er saß da, auf dem schmutzigen Boden, unter dem dunklen Himmel und weinte. Er weinte laut und lang.

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