Stille

Herr Rolf Schwarz war Abteilungsleiter einer Bank. Er arbeitete im 20 Stock eines Hochhauses in Frankfurt am Main. Meist arbeitete er von Montag bis Samstag und dabei noch oft bis nach 20 oder sogar 22 Uhr. Er hatte keine Familie, er konnte es sich erlauben. Herr Schwarz war ein etwas hektischer Mann. Das war nicht immer so gewesen, vor Jahren noch, vielleicht vor 5 oder auch 8, so erinnerte er sich selbst noch, war er besonnener und auch ruhiger gewesen. Hatte Herr Schwarz mal eine ruhige Minute zwischendurch, und das war selten geworden, dachte daran zurück und meist erfasste ihn dabei eine tiefe Trauer. Sein Leben war so schrecklich unruhig geworden.

Doch nun war es Samstag, 22 Uhr. Schwarz hatte gerade den letzten Vertrag fertig gemacht und machte nun, wie so oft in der Etage das Licht aus und schloss die Tür. In diesem Moment, jeden Abend fühlte er sich am meisten als Abteilungsleiter. Ihm gefiel es, Verantwortung zu tragen und sich wie er es gern formulierte: „ um seine Schäfchen zu kümmern.“

23 waren es. Müde und doch zufrieden fuhr er seinen BMW aus der Tiefgarage und in Richtung zu hause. Beruhigender Jazz lief im Radio und leuchtenden Tüchern gleich, flogen die Lichter der nächtlichen Straßen an ihm vorbei. Herr Schwarz öffnete, nachdem er seinen Wagen in seiner Garage geparkt hatte, die Tür, trat ein und fühlte ein großes Glück. Er blickte zufrieden, mit einem leichten Lächeln in seinen Hausflur. Er freute sich auf das Bett. Für Herrn Schwarz war es eine große Freude Sonntags aus zu schlafen.

Diese Nacht schlief er tief und träumte von bunten Farben. Weiß, Gelb und Hellgrün.

Am nächsten Morgen geschah etwas außergewöhnliches. Rolf Schwarz erwachte, was selten war, nicht durch ein Geräusch. Er war einfach so erwacht, von selbst. Das war ein besonders intensives Glücksgefühl für ihn. Er blieb noch einige Minuten im Bett liegen, um die absolute Stille zu genießen. Dann stand er auf. Öffnete lautlos die Tür zum Bad und öffnete den Wasserhahn. Er erschrak. Es bot sich ein für außenstehende seltsames Bild. Rolf stand vor seinem Waschbecken und starrte, ohne sich zu regen auf den Wasserstrahl, der hinaus strömte.

Jedoch lautlos.

Nichts war zu hören! Vielleicht 2 Minuten lang war Herr Schwarz verwundert, dann versuchte er eine logische Erklärung dafür zu finden. Er musste wohl vom Stress der letzten Wochen zermürbt worden sein. Hörsturz, ja, dass musste es sein. Doch ganz war ihm bei seiner Eigendiagnose trotzdem nicht, denn er fühlte sich eigentlich tief entspannt, wie seit langem nicht mehr. Etwas verstört ließ Herr Schwarz die Morgenwäsche heute auf sich beruhen. Er zog sich an und ging, nachdem er entschieden hatte gleich nach dem Frühstück zum Arzt zu fahren, in die Küche. Er setzte Kaffee auf, nahm sich einen Teller und ein Brötchen, doch alles ohne ein einziges Geräusch. Er wollte gerade das Radio anschalten, da kam in ihm wieder eine Angst hoch, die ihn erschrecken ließ. Er ließ ab vom Radio und setzte sich hin, um wie zu erwarten lautlos sein Frühstück einzunehmen. Nicht einmal das vertraute Geräusch der arbeitenden Kaffeemaschine hatte er gehört. Er sah sich in seiner Küche um und alles kam ihm schrecklich fremd vor, er kam sich vor wie in einem Hotel. Nach dem Frühstück nahm er seinen Mantel, griff nach den Autoschlüsseln und wollte nun sofort zum Arzt fahren. Er setzte sich in seinen Wagen. Er wartete. Worauf? Ach ja, das Tor, es öffnete automatisch, ein Surren zeigte an, wen es offen war. Er hatte, natürlich, nicht gehört. Er drehte sich um, das Tor war offen. Herr Schwarz schüttelte traurig den Kopf und fuhr los. Die Autofahrt kam ihm vor, als sei er gelähmt oder der letzte Mensch auf der Welt. Beim Arzt angekommen ging er zur Theke an der eine Krankenschwester saß. Er sagte, dass er dringend zu Dr. Trebko musste, seinem Hausarzt. Das wollte er zumindest sagen, jedoch hörte er sich selbst nicht. Doch die Schwester setzte ein Lächeln auf und bewegte ihren Mund, ohne aber ein Wort zu verlieren. Er ging ins Wartezimmer. Rolf fasste sich sorgenvoll an seine faltige Stirn. Er sank auf einen der Stühle herab und begann nach einem sehr langen Wimpernschlag unvermittelt an zu weinen. Er war mit den Nerven am Ende. Er fühlte sich verloren, allein und isoliert. So saß er bestimmt eine halbe Stunde mit gesenktem Kopf im Wartezimmer. Schon malte er sich die schlimmsten Szenarien aus und spielte sogar mit Selbstmordgedanken. Dann stubste ihn ein alter Herr mit seinem Gehstock an. Rolf blickte auf und war etwas verwirrt. Der Alte hatte einen schwarzen Hut über die weißen Haare gesetzt und trug einen weißen Bart, einen dünnen, der bis zur Brust reichte. Er trug eine schwarze Hose und ein schwarzes Jackett. Der Alte schmunzelte und neigte den Kopf etwas zur Seite. Rolf verstand nichts mehr. Er blickte wieder zu Boden. Da! Unglaublich, unverhofft und doch da! Der Alte hatte sich auffordernd geräuspert. Mit aufgerissenen Augen starrte Rolf ihn an. Es war unglaublich. Dieses tiefe, krächzende Räuspern, er hatte es gehört! Rolf stand auf. Der Alte setzte sich an seiner statt und sagte: „Danke!“

Glück durchströmte Rolfs Körper. Er fiel vor Rührung auf die Knie, hielt sich an dem Hosenbein des alten Mannes fest und sagte: „Danke, Danke,DANKE!“

Der Alte sah ihn verwundert an. Herr Schwarz kam zu sich. Er blickte sich etwas verschämt um, richtete seine Krawatte und verließ schnell den Raum. Er hatte Termine, selbst am Sonntag. Herr Schwarz war schließlich kein gewöhnlicher Angestellter, er war Abteilungsleiter! Herr Schwarz hatte sicher was zu tun. Doch über diesen Morgen, diese vier Stunden sprach Herr Schwarz nie wieder, obwohl Rolf sich doch jeden Morgen aufs Neue beim Erwachen fürchtete.

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